Mer erhält 43% des gemeinsamen Unternehmens. Eviny erhält 57%. So lautet der Deal, den Statkraft und die Eviny Group bei der Zusammenführung ihrer Schnellladenetze in Norwegen, Schweden und Deutschland vereinbart haben. Doch stützen die operativen Daten diese Aufteilung?
Wir haben beide Netzwerke durch unsere Pulse-Methodik laufen lassen — denselben Rahmen, der Standortqualität, operative Umsetzung und Marktnachfrage in einem vergleichbaren Score zusammenführt. Das Ergebnis: Mers Netzwerk erreicht rund 68% des Gesamtwerts. Nicht 43%.
Das ist eine Differenz von 25 Prozentpunkten. Und sie bleibt in jedem von uns getesteten Szenario bestehen.
Was wir gemessen haben
Der Pulse-Score jedes Netzwerks setzt sich aus drei Komponenten zusammen, die je Land berechnet und anschließend über alle Märkte addiert werden:
- Standort-Score — wie gut jede einzelne Station positioniert ist, basierend auf Verkehrsströmen, Nachfragedichte und Erreichbarkeit. Addiert über alle FC-Stationen im Netzwerk.
- Execution-Faktor — wie effektiv ein CPO das Standortpotenzial in tatsächliche Auslastung überführt, gemessen an Marktdurchschnitten. Über 1.0 bedeutet überdurchschnittliche Leistung.
- Marktnachfrage — die gesamte adressierbare Schnellladenachfrage in jedem Land, basierend auf BEV-Bestand, Ladehäufigkeit und Sitzungsvolumen.
Da Eviny im Dezember 2025 die Meldung von Echtzeitdaten eingestellt hat, nutzten wir den Viermonatszeitraum von August bis November 2025 — die letzte Phase, in der für beide Betreiber in den nordischen Ländern eine vollständige Datenabdeckung vorlag.
Die Netzwerke in Zahlen

Allein die Stationszahlen erzählen eine Geschichte. Mer betreibt in den drei Märkten 591 FC-Stationen mit aktiver Echtzeitmeldung; Eviny kommt auf 271. Mer verfügt über 2 602 CCS-Ladepunkte gegenüber 1 370 bei Eviny. In Deutschland — Europas größtem EV-Markt gemessen am BEV-Bestand — übertrifft Mer Eviny um mehr als das Vierfache.
Doch Größe ist nicht alles. Evinys norwegische Stationen weisen einen deutlich höheren durchschnittlichen Standort-Score auf (1.75 gegenüber 1.51), was darauf hindeutet, dass die Standorte gut gewählt wurden. Das Problem ist die Umsetzung: Evinys durchschnittlicher Execution-Faktor in Norwegen lag in diesem Zeitraum bei 0.71 — die Stationen erreichten also nur 71% der Auslastung, die aufgrund ihrer Standorte zu erwarten gewesen wäre. Mers norwegisches Netzwerk erzielte 1.25 und wandelte damit 25% mehr Nachfrage in tatsächliche Nutzung um, als das Modell prognostiziert hatte.
Das Ergebnis des Pulse-Scores
Multipliziert man Standortqualität mit Execution und gewichtet nach Marktnachfrage, ergibt sich für jeden Betreiber über alle drei Länder hinweg ein Gesamt-Pulse-Score.
Aufschlüsselung nach Ländern
Norwegen dominiert die Berechnung und macht 60% des kombinierten Pulse-Scores aus — nachvollziehbar, denn die FC-Nachfrage pro BEV ist dort etwa achtmal so hoch wie in Deutschland. Doch auch isoliert nach einzelnen Ländern liegt Mer überall vorn: mit 63.9% in Norwegen, 69.3% in Schweden und 80.1% in Deutschland.
Die Execution-Lücke erzählt die eigentliche Geschichte
Lässt man Standort-Scores und Marktnachfrage außen vor, erklärt allein die Execution-Grafik den Großteil der Differenz. Mer lag in Norwegen während des gesamten Zeitraums Aug-Nov konstant über dem Marktdurchschnitt (1.0) und erreichte im Oktober einen Höchstwert von 1.34. Eviny überschritt in Norwegen nie die Marke von 0.80 und entwickelte sich abwärts — von 0.80 im August auf 0.66 im November.
In Schweden zeigten beide Betreiber stärkere Schwankungen — angesichts der kleineren Netzwerke erwartbar. Mer Schweden meldete im September 2025 überhaupt keine Daten, ein als Lücke in der Grafik sichtbarer Daten-Aussetzer. Ohne diesen Monat lag der Durchschnitt von Mer Schweden über August, Oktober und November bei 1.01. Eviny Schweden blieb durchgehend unter 0.76.
Sieben Szenarien, dieselbe Schlussfolgerung
Um das Ergebnis auf Belastbarkeit zu prüfen, haben wir sieben unterschiedliche Szenarien gerechnet — mit variierenden einbezogenen Ländern, unterschiedlichen Gewichtungen der Standort-Scores und mit beziehungsweise ohne die wenig belastbaren frühen schwedischen Daten.
| Szenario | Mer | Eviny |
|---|---|---|
| Basisszenario (alle Länder, Aug-Nov) | 68.0% | 32.0% |
| Nur Norden (NO + SE) | 65.4% | 34.6% |
| Nur Norwegen | 63.9% | 36.1% |
| Sep-Nov für SE (Aug mit geringer Datenqualität ausgeklammert) | 67.1% | 32.9% |
| Nur Standort-Scores (ohne Execution oder Nachfrage) | 63.1% | 36.9% |
| Nach EVSE gewichtete Standort-Scores | 62.3% | 37.7% |
| Gleiche Gewichtung der Länder | 70.7% | 29.3% |
Selbst das für Eviny großzügigste Szenario — die Gewichtung der Standort-Scores nach der Anzahl der EVSE an jeder Station — verortet Mer bei 62.3%. Das am wenigsten großzügige — eine gleiche Gewichtung der Länder — gibt Mer 70.7%. Die Deal-Aufteilung von 43/57 liegt außerhalb jedes Szenarios, das wir konstruieren konnten.
Rücktest anhand tatsächlicher Lademinuten
Scoring-Modelle sind nur dann nützlich, wenn sie die Realität abbilden. Deshalb haben wir die Aufteilung nach Pulse-Score mit den tatsächlich erfassten Schnelllade-Minuten im selben Zeitraum Aug-Nov 2025 verglichen. Deutschland verfügte damals noch über keine Echtzeitdaten auf Minutenebene, Norwegen und Schweden jedoch schon — und diese beiden Märkte stehen für 82% des kombinierten Pulse-Scores.
| Markt | Pulse-Prognose | Tatsächliche Lademinuten | Delta |
|---|---|---|---|
| Norwegen | Mer 63.9% | Mer 65.1% | +1.2pp |
| Schweden | Mer 69.3% | Mer 83.6% | +14.2pp |
| Nordics gesamt | Mer 65.4% | Mer 65.9% | +0.6pp |
Das kombinierte Ergebnis für die nordischen Länder weicht um 0.6 Prozentpunkte ab. In Norwegen — dem dominierenden Markt mit der tiefsten Datenbasis — schrumpft die Differenz auf 1.2 Punkte. Die Pulse-Methodik bildet die tatsächliche Auslastung dort, wo die Daten am verlässlichsten sind, nahezu exakt ab.
Schweden zeigt eine größere Lücke zwischen Pulse-Prognose und tatsächlichen Lademinuten, teilweise weil Mer Schweden im September 2025 null Minuten meldete — ein Daten-Aussetzer, der die Viermonatssumme drückt. Die kleinen schwedischen Stichproben verstärken diesen Effekt. Norwegen, wo für beide Netzwerke umfangreiche und konsistente Daten vorliegen, ist der aussagekräftigere Vergleich.
Das Ergebnis des Rücktests ist aus zwei Gründen relevant. Erstens bestätigt es, dass die Pulse-Komponenten — Standortqualität, Execution und Nachfrage — zu einem Score zusammengeführt werden, der tatsächliche Marktergebnisse widerspiegelt. Zweitens gibt es uns Vertrauen in die deutschen Schätzwerte, für die wir die Auslastung damals nicht direkt messen konnten. Da sich unsere Echtzeitabdeckung inzwischen auf Deutschland und weitere europäische Märkte erstreckt, werden künftige M&A-Analysen Execution-Daten für alle drei Länder einbeziehen.
Warum spiegelte der Deal die Daten also nicht wider?
Der Pulse-Score misst operativen Wert — Standortqualität, Execution, Nachfrage. Doch bei Fusionsbewertungen werden Faktoren eingepreist, die Pulse nicht erfasst. Mehrere davon könnten Eviny begünstigen.
- Vertragslaufzeiten. Falls Eviny für seine Standorte länger laufende Vereinbarungen zu besseren Konditionen hält als Mer, erhöht der Kapitalwert dieser Verträge den Portfoliowert unabhängig von der aktuellen Auslastung. Standort-Scores sagen dir, wo sich eine Station befindet; Vertragsbedingungen sagen dir, wie lange du sie dort behalten darfst. In einem Markt, in dem erstklassige Standorte an Fernstraßen zunehmend umkämpft sind, ist Laufzeit ein Wertfaktor.
- Strategische Dynamik. Statkraft hat seit Jahren öffentlich signalisiert, Mer veräußern zu wollen, ohne einen Käufer zu finden. Das Unternehmen hat außerdem erklärt, künftig nicht Mehrheitsgesellschafter seines Ladegeschäfts sein zu wollen. Hinzu kommt die öffentliche Kritik, der Statkraft wegen verlustbringender Aktivitäten außerhalb des Kerngeschäfts ausgesetzt war — allen voran EV-Laden und Biokraftstoffe. Das ergibt eine Verhandlungsdynamik, die den Verkäufer nicht begünstigt. Die Annahme eines Anteils von 43% vermeidet zudem die Veröffentlichung einer revidierten Standalone-Bewertung von Mer, die möglicherweise einen Verlust hätte realisieren müssen. Zumindest kurzfristig.
- Kostenbasis und EBITDA-Marge. Eviny ist in der Branche dafür bekannt, schlank zu arbeiten — mit minimaler Backend-Komplexität, einer vergleichsweise einfachen App und einem pragmatischen Ansatz bei CPMS und Organisation. Mer betreibt eigene Backend-Systeme und eine größere Unternehmensstruktur. Wenn Eviny bei niedrigeren Umsätzen vergleichbare oder bessere EBITDA-Margen erzielt, wird diese operative Effizienz im Deal eingepreist.
Was das bedeutet
Die Differenz von 25 Prozentpunkten zwischen Pulse-Wert und Deal-Wert sagt uns etwas Wichtiges: Bei M&A-Transaktionen im EV-Charging ist operative Exzellenz noch nicht der zentrale Werttreiber. Asset-Qualität, Vertragskonditionen, Kostenstruktur und Verhandlungsmacht dominieren weiterhin. Mit der Reifung des Marktes und sinkenden Margen wird sich das ändern. Die CPOs, die stark umsetzen, werden irgendwann entsprechend bewertet werden.
Statkraft ist nun Minderheitseigentümer eines Joint Ventures, gegenüber dem das Unternehmen finanziell weiterhin stark exponiert ist. Das erzeugt eine interessante Spannung. Wird die fusionierte Einheit die objektiv und messbar stärkere Marke Mer nutzen, um aus ihrem kombinierten Standortportfolio zusätzlichen Wert zu schöpfen? Oder wird der neue Mehrheitseigentümer Mer in die schlankere und kosteneffizientere Marke Eviny integrieren?
Die Zeit wird es zeigen. Die Daten werden es uns zuerst sagen.