Analyse & Meinung

1.500 Kilowatt und null installierte Ladepunkte

Von Chargalytics · June 20, 2026

This Week in Charging — 13.-20. Juni 2026. Ein wöchentlicher Überblick über die Geschichten, die die globale EV-Ladebranche prägen.

Der globale Blick

Die Ladebranche lief diese Woche mit purer Ironie. BYD kam nach Europa mit 1.500 kW-Ladern, die eine Batterie in fünf Minuten füllen können, während Massachusetts einräumte, aus seiner Bundesförderung von $64 million exakt null Ladepunkte installiert zu haben. Die britische Regierung steht kurz davor, ihr eigenes EV-Mandat zu zerlegen — genau in dem Moment, in dem ihre Ladebetreiber bewiesen haben, dass das Geschäftsmodell funktioniert.

Chinas Rohölimporte fielen auf den niedrigsten Stand seit acht Jahren. Äthiopien hat 115.000 EVs auf der Straße und grob einen öffentlichen Ladepunkt pro 575 Fahrzeuge. Und ausgerechnet GRIDSERVE hat gezeigt, dass sich Laden tatsächlich monetarisieren lässt.

Das dominierende Thema? Die Technologie ist da. Das Geld ist da. Der Engpass ist alles dazwischen.


Europa

Das Vereinigte Königreich dominierte die europäischen Schlagzeilen mit einem spektakulären Crash zwischen Politik und Investitionen. Ladeunternehmen drohten, geplante Investitionen von £2 billion zu streichen — das entspricht 50.000 Ladepunkten — falls Starmer das Zero-Emission-Vehicle-Mandat aufweicht. Wenige Tage später bestätigte die Regierung, dass sie plant, das EV-Verkaufsziel für 2030 von 80% auf 50% zu senken. Die dritte Kurskorrektur in drei Jahren. Anlegervertrauen, bitte einmal direkt in den Aktenvernichter.

Gleichzeitig die Gegenerzählung: GRIDSERVE meldete £64 million Umsatz, 45% Wachstum gegenüber dem Vorjahr und das erste positive EBITDA-Ergebnis (£3 million). Mehr als 3 million Ladevorgänge, 200+ Standorte, 99% Verfügbarkeit. Der kommerzielle Case für EV-Laden im Vereinigten Königreich war nie stärker. Der politische Case offenbar schon.

Auf der Hardware-Seite bringt BYD seine Flash-Charging-Technologie nach Europa — 1.500 kW, von 10% auf 70% in fünf Minuten, mit Plänen für 3.000 Stationen auf dem Kontinent innerhalb von 12 Monaten. Tesla brachte außerdem seinen Folding Unit Supercharger nach Europa: vorgefertigte V4-Cabinets mit 500 kW, die Installationskosten um 20% senken und die Zeit halbieren.

Beim Geld sicherte sich GreenWay €138 million an grüner Fremdfinanzierung für die Expansion in Polen, der Slowakei und Kroatien und bringt damit die Gesamtfinanzierung auf €258 million. Und ChargePoint traf eine klare strategische Entscheidung: Raus aus dem europäischen Endkundengeschäft, persönliche Accounts werden bis zum 30. Juni geschlossen, der Fokus liegt künftig ausschließlich auf Commercial-, Fleet- und CPO-Segmenten.

Weiter südlich in Portugal hat Galp seinen fast-charging-Korridor fertiggestellt, der sich über die gesamte Länge des Landes zieht. Leise beeindruckend in einer Woche voller lauter Ankündigungen.


Nordamerika

Die USA überschritten diese Woche die Marke von 250.000 öffentlichen Ladepunkten. Tesla steht für rund 20% davon, mit 50.000 Ladepunkten inklusive 38.000 DC-Schnellladern. ChargePoint führt bei Level 2 mit 76.000+. Die Zahl ist groß. Der Kontext ist brutal: Es reicht immer noch nicht.

Die NEVI-Förderposse bleibt peinlich. Massachusetts bekam vor zwei Jahren $64 million an Bundesmitteln für Ladeinfrastruktur und hat null Ladepunkte installiert. Nur $4 million flossen in vorbereitende Arbeiten. Das ist das Paradebeispiel dafür, warum es nicht reicht, Geld auf Infrastruktur zu werfen, wenn die Beschaffung kaputt ist.

Die Lichtblicke kamen aus dem Flottenbereich. Rivian ist ChargeScape beigetreten (BMW, Ford, Honda, Nissan) und stärkt damit die Vehicle-to-Grid-Integration; die V2G-Koalition wird von Woche zu Woche schlagkräftiger. Electrify America eröffnete seinen bislang größten batteriegestützten Hub in Santa Barbara — 20 Ladeplätze mit 350 kW und ein Batteriesystem mit 1.9 MW. Und weiter nördlich in Kanada verzeichnete Hypercharge einen Sprung von 600% bei den Erlösen aus CO2-Zertifikaten unter den Clean Fuel Regulations — von $236K auf $1.74 million. Das Geschäftsmodell funktioniert, wenn der regulatorische Rahmen es auch tut.


China

In China wird die Energiewende messbar statt theoretisch. Die Benzinverkäufe sanken im April um 8%, Diesel um 6%. Die EV-Lademengen schossen im Jahresvergleich um 69% nach oben. Die Rohölimporte fielen im Mai um 29% auf ein Achtjahrestief. Das sind keine Projektionen. Das sind Belege.

Xiaomi präsentierte einen robotischen Ladearm für den Heimgebrauch — AI-Vision, Präzision im Submillimeterbereich, geplant für Q4 2026. Tesla hat das 2014 versprochen. Xiaomi liefert. Li Auto, Aito und Star Charge bauen Konkurrenzprodukte. Das Ladeerlebnis zu Hause steht vor einem ziemlich grundlegenden Wandel.

Fünf Ministerien starteten die Kampagne 2026 zur Förderung von EVs im ländlichen Raum, mit 155 Modellen in 59 Pilotbezirken. Die gesamte Ladeinfrastruktur erreichte im April 21.9 million Einheiten, ein Plus von 47.4% gegenüber dem Vorjahr. Der Vorstoß aufs Land ist relevant — das ist längst kein Phänomen der Küstenmetropolen mehr.

Vielleicht die strukturell wichtigste Story: BYD, GAC und Geely kooperieren mit Sinopec und CNOOC, um Tankstellen in Multi-Energy-Hubs umzubauen (Laden, Batteriewechsel, Wasserstoff). CATL zielt auf 4.000 kombinierte Stationen in 190 Städten. Wenn Tankstellenbetreiber zu Ladebetreibern werden, ist die Transition nicht länger optional.


Indien

Indiens Regierung hat ihre bislang größte Infrastrukturwette platziert: Das PM E-Drive-Programm genehmigte 4.874 öffentliche Ladestationen entlang von 74 nationalen Autobahnkorridoren, davon 498 in Tamil Nadu in der ersten Phase. Rs 2.000 crore an Subventionen. Das ist echter Rollout, nicht das nächste Whitepaper.

Beim Thema Interoperabilität — Indiens hartnäckigstem Problem — haben Bolt.Earth und ChargeZone eine Partnerschaft für netzübergreifendes Roaming geschlossen über 1.500+ fast-charging-Standorte hinweg. Eine App, mehrere Netzwerke. Das ist aktuell die wichtigste strukturelle Verbesserung, die Indiens Ladelandschaft machen kann.

Und wenn du wissen willst, wie es wirklich um öffentliches Laden in Indien steht, schau auf Amazon: Das Unternehmen baut seine eigene Ladeinfrastruktur für 11.000+ elektrische Lieferfahrzeuge, weil das öffentliche Netz den Betrieb nicht tragen kann. Wenn der größte E-Commerce-Player öffentliches Laden abschreibt und privat baut — sagt das eigentlich alles.


Restliches Asien

Südkorea machte die Schlagzeilen der Region. SK Signet gewann einen öffentlichen Schnellladeauftrag über KRW 32.8 billion — 498 Lader an 314 Standorten — und ist damit das dritte Jahr in Folge als Lieferant gesetzt. Koreas größter privater Betreiber CHAEVI kooperiert mit KT bei AI-gestütztem Laden und installiert 138 Schnelllader (85 NACS-kompatibel) an 27 Autobahnraststätten.

Die Zahlen aus Vietnam sind bemerkenswert: 374.816 reine EVs auf der Straße per Ende Mai, aber die Ladeinfrastruktur hinkt gefährlich hinterher, besonders in Tiefgaragen von Wohnanlagen. Eine Warnung für schnell wachsende Märkte, in denen die Verkäufe dem Netz davonlaufen.

Im Nahen Osten wurde Soluem als erstes koreanisches Unternehmen für die SIP-Zulassung in Saudi-Arabien zur Herstellung von EV-Ladern zugelassen, während die VAE ihren ersten mobilen EV-Ladeservice „at your door“ starteten. Die Golfstaaten gehen von Ankündigungen zu echten Infrastrukturzügen über.


Ozeanien

Tesla eröffnete seinen 1.000. Supercharger-Ladeplatz in Australien — 155 Standorte über 10.000 km wichtiger Korridore. Der Standort in Byron Bay bekam sogar ein eigenes Ozean-Design, weil natürlich bekam er das.

Die eigentliche Tech-Story: Hyundais Ioniq 9 absolvierte Australiens erste Vehicle-to-Grid-Entladung mit ISO 15118-20 und einem bidirektionalen DC-Lader von StarCharge. V2G ist down under gerade real geworden.

Gleichzeitig zeigten exklusive Auslastungsdaten, dass Australiens Schnelllader im Schnitt nur 14% des Tages belegt sind. Klingt okay — bis Ostern, als sich auf manchen regionalen Korridoren Warteschlangen von bis zu fünf Stunden bildeten. Das Netz ist an einem Dienstag ausreichend. An einem Feiertagswochenende bricht es auseinander.


Südamerika

Kolumbien kündigte Ruta-E an, einen 1.200 km langen emissionsfreien Frachtkorridor von Bogotá nach Cartagena — der erste wirklich ernsthafte elektrische Logistik-Case des Kontinents. Ziel: 1.000+ batterieelektrische Lkw bis 2032, die jährlich 185.000+ Tonnen CO2 einsparen.

In der Kategorie seltsame Zweckbündnisse: Argentiniens staatlicher Ölkonzern YPF unterzeichnete ein LOI mit Tesla, um ein Schnellladenetz zu prüfen. Ein staatlicher Petroleumriese in Partnerschaft mit dem größten EV-Hersteller der Welt. Die Zukunft ist mindestens architektonisch verwirrend.


Afrika

Ostafrika schreibt gerade die Ladegeschichte des Kontinents. Äthiopiens EV-Flotte hat die Marke von 115.000 überschritten, nachdem 2024 neue Benzin- und Dieselimporte verboten wurden. Der staatliche Versorger plant landesweit 40+ Stationen, darunter 16 entlang des Ethio-Djibouti-Korridors. Der Bedarf: grob 1.100 Stationen allein in Addis Abeba. Der aktuelle Stand: etwa 200. Die Lücke ist gewaltig, aber die Nachfragekurve ist unübersehbar.

MTN Nigeria und First WATT bauen solarbetriebene EV-Ladeinfrastruktur aus an Telekommunikationsstandorten — 34 MWp Solar plus 40 MWh Batteriespeicher, mit 60 kW-Ladern an 8 Standorten. Telco-Infrastruktur für EV-Laden zu nutzen, ist ein cleverer Leapfrog-Move für Märkte ohne gewachsenes Tankstellennetz.

In Südafrika plant GridCars 650 kW-Ladeinfrastruktur für Lkw an drei Autobahnstandorten zu R4.50-5.50/kWh (gegenüber R7.35 Strompreis im Einzelhandel). Und Tansania senkte die EV-Importzölle von 25% auf 10% und strich die Mehrwertsteuer auf Ladeequipment komplett. Die politischen Dominosteine fallen in der ganzen Region.


This Week in Charging erscheint jeden Freitag. Es fasst die wichtigsten Nachrichten der vergangenen sieben Tage zur EV-Ladeinfrastruktur zusammen — auf Basis unseres globalen News-Intelligence-Feeds. Registriere dich für deine kostenlose 7-Tage-Testversion und hol dir deinen täglichen persönlichen Newsletter plus alle anderen Goodies auf unserer Website.

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